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"Wir haben das Recht unser Leben neu zu erfinden"

 

Fortbildung zur Unterstützung der klinischen Wirksamkeit

von Interventionen durch die Einbeziehung von

Körper, Energie und Bewusstsein in psychologische Prozesse

 

Haben wir alle ein Trauma? 

Ja. Aber das ist im Normalfall nicht schlimm. Es gehört zu unseren Fähigkeiten, selbst schlimme Erlebnisse zu überstehen und wieder in ein gutes, balanciertes Lebensgefühl zu kommen.

Jeder ist in seiner Kindheit einmal schwer gestürzt oder ungerecht behandelt worden. Problematisch wird es, wenn traumatische Erfahrungen sich wiederholen, und wenn es uns nicht mehr gelingt, sie loszulassen.

Toni Vescoli hat zum Beispiel drei Auffahrunfälle mit dem Auto fast folgenlos überlebt. Nach dem vierten Unfall konnte er zwei Jahre lang nicht mehr als Musiker arbeiten. So lange brauchte er, um aus der körperlichen Schockstarre wieder herauszukommen.

Was passiert mit den traumatischen Erlebnissen in der Vergangenheit?

Unser Körper reagiert auf Gefahr, indem er Energie aufbaut, die uns die Flucht oder den Kampf ermöglichen sollen. Das passiert in handfesten Gefahrensituationen, aber auch bei emotionalen Bedrohungen. Diesen Zustand beschreiben wir als Modus der Gefahr (Fight/Flight). Wenn wir nicht wegrennen oder kämpfen können, schaltet der Körper auf Schock. Tiere stellen sich tot, Menschen erstarren innerlich und äusserlich. Normalerweise schaffen wir es, aus diesem Schock herauszukommen, uns zu schütteln und wieder in Bewegung zu kommen. Der Körper beruhigt sich, wir kehren zurück in den Grundzustand der Sicherheit und der Orientierung im Hier und Jetzt. Wenn diese Rückkehr nicht glückt, wenn der Körper seine Energie nicht herunterfahren kann, dann bleibt sie gestaut zurück – ich nenne solche Rückstände «Konserven». Im Verlauf des Lebens sammeln wir solche «Konserven» – und es wird Zeit, sie zu entsorgen. Konserven mit abgelaufenem Datum öffnen: Das klingt explosiv… Die Kunst besteht darin, dies sorgfältig, dosiert und respektvoll zu tun. Wir entschleunigen die Emotionen. Wir vergleichen dieses Vorgehen mit dem Titrieren in der Chemie, wo man Tröpfchen für Tröpfchen zugibt, bis sich eine Säure neutralisiert. So bringen wir die innere Ökologie wieder in Ordnung.

Wie sieht die konkrete Arbeit aus, zum Beispiel nach einem Umfall?

Eine Frau erzählt von ihrem Unfall: Sie ist auf die Kreuzung zugefahren, dann war da etwas Rotes, rechts, sie wollte gerade reagieren – dann setzt die Erinnerung aus. Ich gehe mit der Frau genau zu diesem Punkt zurück: Was genau war ihr Bewegungsimpuls? Sie beschreibt mit den Armen eine Ausweichbewegung am Lenkrad. Indem sie es macht, kommt ein Teil der Erinnerung zurück. Wir folgen den Bewegungen des Körpers und geben ihm die Möglichkeit, sie im Nachhinein auszuführen. Der Körper verbindet sich wieder mit den Energien des Schocks und wir können jetzt sehr behutsam zurück in den aktuellen Moment gehen, in dem sich die Frau befindet. Sie beobachtet ihre Gefühle beim Erzählen: Hitze, ein Zittern oder ein Bewegungsimpuls. Zugleich ermuntere ich sie, sich wieder im Raum, wo wir uns befinden, zu orientieren. Wir pendeln hin und her zwischen der Erregung von damals und dem sicheren jetzigen Moment, aus dem wir zurückschauen. Auf diese Weise kann die blockierte Energie in Bewegung kommen. Ihr Ökosystem erholt sich.

Das heisst, Sie führen die Menschen in die Gegenwart zurück?

Ich habe längere Zeit mit einer Lehrerin gearbeitet. Im Schwimmunterricht trieb plötzlich ein Schüler tot auf dem Wasser. Sie erlebte einen massiven Schock und konnte sich nicht vorstellen, je wieder zu unterrichten oder auch nur ein Schwimmbad aufzusuchen. Wir haben ihre Geschichte Moment für Moment rekapituliert und neu verhandelt. Im Verlauf der Arbeit konnte sie sich vom Trauma lösen. Sie konnte einen Unterschied machen zum schlimmen Erleben damals und der Situation, in der sie da sass und über ihr Erleben erzählte. Das war das Resultat einer Pendelbewegung zwischen dem «Damals» und dem «Heute» mit ihren Empfindungen und Sinneseindrücken.